Geschichten: Bekannte Worte


#1
„Du bist doch intelligent“ waren die Worte, die Red noch im Ohr lagen, lange nachdem die schwarzhaarige Dame mit den grünen Augen schon ins Bett entschwunden war und den Rotschopf widerwillig zum Rauchen am Fenster zurückgelassen hatte. Liebe Worte, gesprochen von der wichtigsten Person in ihrem Leben und doch hatten sie eine Wunde hinterlassen, da sie mit der Frage einher gingen, ob man nicht wüsste, wem man was sagen könne.

„Es ist nicht immer so einfach, wie es scheint“ kehrten Worte in ihre Gedanken zurück, lange schon vergessen. Gesprochen von tiefer Stimme, in heimischer Situation. Die Augen schließend lehnte Red den Kopf an den Fensterrahmen, auf dessen Sims sie ritt links saß und ließ ihren Gedanken freien Lauf. Der Rotschopf kehrte dabei an einen Ort zurück, den sie einst Heimat nannte. Zu einem Tag, der ihr in Erinnerung geblieben war, wie so viele in der Vergangenheit, die immer so viel einfacher gewesen war.


Es war Schnee durchs Laubdach gebrochen und selbst der sonst so dunkle Dämmerwald, hatte durch die leichte Schneeschicht etwas magisch Schönes, ja etwas Reines gewonnen. Überall weiße Flecken, die auch das Haus ihrer Familie, sowie die dazugehörige Schmiede sprenkelten, auch wenn dort der Schnee bereits auf dem Rückzug war. Im Halbdunkel des Morgens schlich der vielleicht 7 Jahre alte Rotschopf auf die Schmiede zu, in die der Vater bereits aufgebrochen war, um seine Arbeit vorzubereiten. Das Feuer zu entfachen, die Aufträge zu ordnen, die Muskeln zu dehnen, bevor er mit der Tätigkeit begann, die seiner kleinen Familie das Leben ermöglichte. Und wie so oft entkam das Mädchen, dass dereinst ‚Red‘ werden sollte, ihrem Bett, um dem Vater zu folgen.

Längst schon hatte der Schmied das Kind bemerkt und doch, für die kleine Red, schien es so, als ob sie ihm zusehen könnte, ohne ihre Anwesenheit zu verraten. Sie beobachtete, wie der Vater seine Dehnübungen vollendete, den kräftigen, durch jahrelange, harte Arbeit in der Schmiede gestählten Oberkörper in ein einfaches Hemd zwängte und die Schürze umlegte. Sich setzend zog er den Stiefel auf der linken Seite nochmals hoch, während er die rechte Seite, deren Bein in einem Holzstumpf endete, nur mit einem entnervten Seufzen betrachtete.

Für das Kind, dass sich in der Verborgenheit wähnte, war die Geste seltsam, da der Vater schon immer nur ein Bein hatte und sie schob ein paar rote Haare aus dem Gesicht, nachdem man so angestrengt die Stirn gerunzelt hatte. Der Drang zu fragen war geweckt, doch noch war Sie hin- und hergerissen zwischen Heimlichkeit und Neugierde, so dass der Rotschopf für den Moment verborgen blieb.

„Kind…du musst dich nicht verstecken“ erklang die dunkle Stimme des Schmiedes aus Lordaeron und ertappt schreckte die Tochter zusammen. Langsam, nach einem Moment des Schweigens, trat sie hinter dem Versteck hervor und sah zu ihrem Vater auf: „Woher wusstest du, dass ich da bin, Papi?“
‚Papi‘ konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen und hob die Hand, um den Rotschopf heran zu winken, ehe er die große, kräftige Hand auf den Kopf seiner kleinen Tochter legte.

„Weißt du Kleine, ich habe gute Augen und Ohren. Meine Nase ist auch gut. Aber das du da bist, wusste ich, weil du in letzter Zeit jeden Morgen hierherkommst, oder es versuchst. George hat es mir erzählt, deine Mutter hat es mir erzählt und wenn deine kleine Schwester schon sprechen könnte…“ lies man den Satz unvollendet, während man den Kopf des Rotschopfes tätschelte, um sie schließlich zu greifen und aufs Knie zu setzen.

„Du bist doch intelligent, Red“ sprach der Vater dann weiter. „Wenn du jemandem etwas erzählst, erzählt er es vielleicht weiter, hmm? Und warum sollte er es nicht weitererzählen, denn du hast es ihm ja auch erzählt.“ Ein warmes Lächeln legte sich auf die Lippen des Mannes und er platzierte einen Kuss auf die Stirn der nun doch schmollenden Tochter.

Auch wenn sich die Mundwinkel nicht sofort wieder anhoben, musste das Kind doch den elterlichen Zuneigungen beigeben und gab ein leises Brummen von sich. „Aber George hat versprochen…“ kam es noch als letzter Funke des Widerstandes und große Augen wurden gemacht. Rot-braune Seelenspiegel, so schön wie die untergehende Sonne sahen den Älteren fragend an.

„Spatz, es ist nicht immer alles so, wie es scheint. Vielleicht wollte er dich schützen? Vielleicht wollte er, dass du danach morgens nicht mehr deinem alten Herrn folgst? Vielleicht hatte er etwas Anderes vor? Aber wenn du es ihm erzählst…solltest du all das zumindest für möglich erachten. So sind die Menschen, sie handeln immer etwas anders, als wir es denken mögen. Manchmal tun sie uns weh, manchmal tun sie uns gut, doch wenn du ihnen die Möglichkeit dazu lässt…dann musst du mit den Folgen leben, Liebes.“

„Heißt das…er mag mich jetzt, oder hat er was Anderes vor?“ klang eine neuerliche, von Kindesmund gesprochene Frage durch die Stille der Schmiede. Doch der Schmied antwortete nicht, sondern setzte das Töchterchen ab. Mit einem steten Tocken des Holzbeins, trat er an seine Arbeitsstelle und erst dort, öffnete sich sein Mund. „Ich fürchte, wenn du das wissen willst, musst du deinen großen Bruder fragen, Schatz. Und du solltest nun reingehen, deine Mutter wartet.“ Die Worte klangen noch durch den Raum, als sie von einem Schlag des Hammers gebrochen und vertrieben worden. Mehrere Schläge folgten, während der kleine Rotschopf sich auf den Weg in die heimische Stube machte.


„Liebes?“ klangen die Worte nahe am Kopf des Rotschopfes, als sie aus der Erinnerung aufschreckte. „Komm rein…du erkältest dich noch.“ Die Worte der schwarzhaarigen Gilneerin, deren Smaragd-farbene Augen sie dereinst so verwirrt und dann gefangen hatten, waren voller Wärme und nach einem kurzen Moment des Entsinnens, gab sie laut: „Du hattest vorhin Recht, Schatz… ich weiß, wem ich etwas erzählen kann. Meiner Familie. Dir.“