Geschichten: Des Phönix Träne


#1

Gefunden in Lordaeron, den heutigen Westlichen Pestländern in den Weinenden Höhlen nahe Thondroril im Jahre Eins vor der Öffnung des dunklen Portals, wurde jener Rubin in Herdweiler geschliffen und in Stratholme weiterverarbeitet, ehe er drei Jahre später, nach Ende des Ersten Kriegs in den Besitz der Familie Athencord gelangte. Als Familienerbstück wurde jenes Schmuckstück, unter anderem als Halskette und Amulett, aber auch als Brosche getragen. Ein Schmuckstück, das von Generation zu Generation von weiblichen Familienangehörigen weiter gereicht wurde innerhalb der Familie Athencord. Zwischenzeitlich gelangte der Rubin im 3. Krieg zum Scharlachtroten Kreuzzug und wurde von der Pupurlegion in der Bastion von Stratholme bewahrt. Erst kürzlich gelangte es dem letzten Überlebenden der Familie Athencord - Girion von Cordberg - das Schmuckstück in den Schoß der Familie zurück zu bringen.

Eine Träne, ganz im Zeichen für all das vergossene Blut tapferer Seelen, die ihr Leben im Kampf gegen die Geißel gegeben haben. Eine Träne, dessen goldener Erlös mit ihrem Verkauf die letzte Summe einbrachte, um Lordaeron eines Tages wieder zum alten Glanze zurück zu führen.

Rubinrot spiegelte sich im Blicke der Baroness, und verleihte dem dunklen Blau etwas widernatürliches. Fern der Gier, aber auch fern jeglicher anderer Gefühlsregungen, betrachtete sie stummen Ausdruckes das edle Stück das man bisweilen geborgen hinter klarem Glas aufbewahrte. Schwaches Licht traf auf den rubinroten Stein und warf flammenartig seinen Lichterschein entlang von Wänden und Rüstungsträgern die, die Phönixträne geborgen hielten in einem schlichten abgedunkelten Raum voller Leere. Sacht hallende Schritte die einen leicht humpelnden Gang erahnen ließen und vom klirrenden Klang einer Rüstung begleitet wurden, näherten sich Shanelle mit Vorsicht um sie nicht aus ihren Gedanken zu reißen - und doch war sie sich schon längst der Präsenz des Mannes bewusst, dem sie zur Frau versprochen wurde.

»Berürt mich nicht…«, lauteten die Worte die Shanelle leise über die blutleeren Lippen gingen, als sie die Wärme einer Hand spürte, die sich in einer tröstlichen Geste auf ihre Schulter legen wollte. Ein letzter Blick galt der rubinroten Träne, ehe Shanelle sich seiner Lordschaft zuwandte und ihm stumm entgegen sah. Braune Augen sahen gefasst zurück, trotz der kühlen Abweisung. Rados betrachtete Shanelle schlicht - erkannte nicht nur eine Frau die in stiller Sorge war, sondern auch eine Frau die gerade jetzt dazu bereit war Feuer über jene regnen zu lassen mit blutiger Entschlossenheit, die ihrer Familie schaden wollten. Keine Frau die sich gerade nach Geborgenheit sehnte , oder gewillt ist nach fragiler Hoffnung zu greifen - sondern schlicht nach Struktur und Antworten verlangte.

»Lady Ashton ist im Bilde und mobilisiert Fachkundige um so rasch wie möglich hier her zu gelangen. Bis dahin nähert sich niemand meinem Vater - Walt und ich bilden die einzige Ausnahme. Lady Ashton stimmt meiner Vermutung zu, das hier Magie im Spiel ist. Leerenmagie ist dabei nicht auszuschließen. Helena Morley wird in Dalaran versuchen Magus Vilrus Arenem ausfindig zu machen. Sollte er…gewillt sein ebenfalls zu helfen, bitte ich Euch um Distanz. Ein aufkeimendes Familiendrama brauchen wir im Moment nicht…wir brauchen Informationen um entsprechend zu handeln und um uns zu wappnen.«

»Mit Verlaub, Milady…erachtet Ihr es als angebracht Euch nahe einer solchen Gefahrenquelle zu befinden? Wenn diese Magie um sich greift, dann…«

»…Ich weiche nicht von seiner Seite - er ist mein Vater. Ich werde auch diesen Sturm mit ihm überstehen, so wie viele Stürme davor auch. Sollte mir etwas geschehen, dann…bitte ich aufrichtig um Eure Ehrbarkeit als ein Mann, der seinem Königreich stets treu gedient hatte und es immer noch tut. Wir sind nach wie vor noch nicht Mann und Frau…doch Ihr sagtet selbst das Ihr als Verstoßener keinen Grund seht in den Schoß Eurer Familie zurück zu kehren, sondern eine Zukunft viel mehr in der Asche erkennt, aus welcher die meine Familie sich erhob.« Shanelle schluckte auf diese Worte schwer, und viel anders erging es Rados dabei nicht, welcher sich über die Schwere dieser Worte sehr rasch bewusst wurde. »Wenn mein Vater und ich nicht mehr sein sollten, dann…brauchen meine Kinder einen Wächter und Lehrer, der nicht nur ihr Schild ist, sondern sie auch für ihre Zukunft wappnet. Wir beide hatten zu Anfang unsere Schwierigkeiten…doch Ihr habt Euch für mich bisweilen als Mann bewiesen, den mein Vater in Euch sah.« Rados nahm mehr der Haltung inne, als angespannt Luft seine Lungen flutete, während er Shanelle nicht nur fassungslos entgegen blickte, sondern auch wie gelähmt war um nach angemessenen Worten zu greifen, bis auf ein stilles Nicken aus dem eingefleischten Gefühl der Pflicht heraus.

Shanelle hatte begonnen ihn zu mögen - vermutlich gar mehr als sie sollte. Wässerig der Blick der Baroness, je länger sie seiner Lordschaft entgegen sah, bis sie sich lösen musste um keinerlei Schwäche zu offenbahren, wo sie gerade jetzt das Gegenteil symbolisieren musste. »Meine Kinder…ich muss zu ihnen…«, brachte Shanelle gerade noch so hervor mit höflich geneigtem Haupt, ehe sie eilige Schritte aus dem Raum führten in welchem Rados noch eine gute Weile gelähmt da stand, mit dem Blick auf die Phönixträne gerichtet, um zu verarbeiten um was man ihn gerade bat und welche Bürde man ihm damit abverlangte.


»Nein, nein, NEIN! Ich kann Euch hören und ich will es nicht! ICH WILL ES NICHT!«

Harvelle und auch Marigold klammerten sich vermehrt an der Hand ihrer Mutter, als Shanelle ihre Töchter und ihren Sohn entlang des verdunkelten Ganges führte, auf dem jegliche Zimmer von Familienangehörigen sich befanden. Leer waren jene Zimmer - bis auf das Zimmer des Patriarchen in dem er eingeschlossen und fixiert weilte. Einzig und alleine Walt hielt vor der Türe seines Herren Wache, und mit tiefen Bedauern sah er der Baroness und ihren Kindern entgegen. Bedauern vor allem für die Töchter die in diesem Sommer erst 7 Jahre alt werden, und schlicht Angst hatten, nicht wirklich verstanden weshalb ihr Großvater so plötzlich seltsam wurde. War er doch gerade erst wieder gesund und erlag nicht dem Tode durch seine Lungenentzündung.

»Ich habe es ihm nicht gegeben!«
»Er kann dich hören…Er kann dich hören! SIE KÖNNEN DICH ALLE HÖREN!«

Shanelle drückte die Hände ihrer Töchter behütend, während sie in ihrem anderen Arm ihren Sohn Aberforth trug - noch viel zu jung um zu verstehen was vor sich ging, und irgendwo mochte dieser Gedanke ein kleiner Segen sein. Das müde und ausgelaugte Antlitz der Baroness konnte sich dennoch nicht an diesem Gedanken erfreuen. Eine jede Mutter wünschte sich von Herzen ihre Kinder
vor allem bewahren zu können was ihnen Schaden könnte. Und immer wieder erliegen Mütter der ungnädigen Realität, in der sie feststellen das dies nur bittersüßes Wunschdenken ist. Einfluss konnte man nehmen, um Veränderung herbei zu führen - doch gänzlich sämtliche Schäden abwenden? Nein, Shanelle wusste nur zu gut das dieses Leben eine schlechte Komödie ist, in der man gut daran tat mit einer Prise des schwarzen Humors alles irgendwie über die Bühne zu bringen. Überleben, wie es ihr Vater immer so schön sagte.

Hallend wanderten die mittlerweile heiseren Schreie des Patriarchen entlang der Gänge - erfüllt von Zorn, erfüllt von Qual und schierer Verzweiflung in einem sich ewig drehenden Kreis geistiger Folter. Als die Furcht sich in den Knochen ihrer Mädchen deutlicher machte, trieb sie diese rascher voran, bis sie hinter der nächsten schweren Eichenpforte verschwanden und dem Wahnsinn zu mindestens für einen winzigen Moment entkamen.


#2

Müde blickte Shanelle gänzlich ausgelaugt in knisternde Flammen des Kamins. Ihren Sohn Aberforth dicht an ihren Oberkörper geschmiegt und seinen braunen Wuschelkopf an ihrer Schulter angelehnt, während beide regelrecht in des Patriarchens lieblings Backensessel versanken. Gelegentlich ließ Shanelle den Blick zur anderen Seite des Raumes wandern, dort wo ihr Vater schwach und blass in seinem Bett lag - ihre Töchter an seine Seiten geschmiegt, wo sie in ihrem eigenen Schlummer über ihn wachten. Finnya, Othon und Vilrus vermochten der geistigen Folter ein Ende zu bereiten, doch noch erwachte der Patriarch nicht, als das man seinen Zustand angemessen einschätzen könnte. Nun galt es Geduld zu haben, und ihn bis dahin zu versorgen. Ein Anblick der schlechte Erinnerungen wach rüttelte an das vergangene Jahr zur fast der gleichen Zeit, in welcher der Patriarch einer Lungenentzündung erlag. Auch in dieser Zeit wachten ihre Mädchen auf gleiche Weise über ihn - ließen nur schwerlich von ihm ab, in der Sorge das er jeden Moment seinen letzten Atemzug tätigt. Jedoch bekamen sie die nötige Zeit um ein Gefühl der Akzeptanz zu entwickeln gegenüber Verlust. Gegenüber dem Tod, der zum Kreislauf des Lebens schlicht dazu gehört. Nun drohte er auf eine Art und Weise entrissen zu werden, die nicht falscher hätte sein können und für die man nur schwerlich eine Akzeptanz aufbringen konnte.

Niemand war auf das gefasst was sich in den letzten Tagen ereignete - zu sehr wog man sich in Sicherheit in den Worten seiner Majestät über die neuen elfischen Verbündeten, die innerhalb der Gesellschaft nicht zu Unrecht den Nährboden für Zweifel boten. Denn wie sich bestätigte gab es auch unter ihnen jene, welche ihre befremdlichen Mächte missbrauchten - um Chaos und Zweifel zu säen. Im angesicht der Kriegslage ein fataler Zug, in den eigenen Reihen Unruhe zu stiften, während an den Fronten Blut vergossen wurde. Doch gab es auch jene wie Othon, bei denen sich Vertrauen bewährt. Jene die Veranschaulichen konnten wie sehr ihre Fähigkeiten von nutzen sind in Situationen wie diesen. Und doch würde es in mancher Augen nichts bedeuten, wenn der Zweifel sich nur tief genug in die Herzen anderer gefressen hat. Das war nicht gerecht.

Wer war also dieser Leerenelf? War er alleine, oder gab es gar eine ganze Organisation dahinter - welches Ziel wird genau verfolgt? Warum erwählte man ihre Familie als Ziel? Wie viele noch gab es dort draußen die unter solchem Terror litten? Was würde dies für die Company bedeuten? Wie konnte man sich wappnen? Was wollte der Leerenelf tatsächlich bezwecken? Zu viele Fragen auf einmal - und auf nichts konnte sie bisher Antworten finden. Vereinnahmend erdrückte die Müdigkeit ihre Gedankengänge. Erstickte jene für den Moment, um die Baroness zunehmend in den Schlaf zu wiegen, den sie nun auch brauchte.


#3

Shanelle,

Ich sehe mein Ende nahen. Ein undurchdringlicher Nebel, tiefschwarz wie die Nacht, kommt auf mich zu. Ich bin mir indes nicht sicher, ob dies noch ein Rest der Leere in mir zu sein vermag oder der Tod in dieser Gestalt auf einen zutritt, so die Zeit gekommen ist. Das Ritual von Lady Ashton und dem Leerenelf haben mich wohl gereinigt, doch ich fürchte, es war zu viel für meinen schwachen Körper. Du weißt wohl, wie es um mich bestellt ist und ich war bereits einmal dem Tode nahe, so ist es wohl nicht mehr als ein letztes Aufwallen der Lebensgeister gewesen, die letzten Monate.

Ich bin ungewiss, ob man je einen Zustand erreichen kann, der einem das Gefühl von Vorbereitung oder Bereitschaft vermittelt, wenn man vor jenem Nichts steht, wie ich es tue. Ich glaube es allerdings kaum, denn wann immer man daran zu denken vermag, so türmen sich Aufgaben und Notwendigkeiten auf, die man noch gern erledigen möchte und muss in resignierender Fassungslosigkeit erkennen, dass die verbliebene Zeit ungenügend ist. So vieles gäbe es noch, was ich gern getan und erledigt hätte, so vieles hätte ich gern gesagt. Doch am Ende bleibt nur die Zeit für das Notwendigste und das Wesentliche und ich hoffe, dass es mir dafür noch reicht.

Ich kenne dich, mein Kind. Mein einziges und doch liebstes Kind. Und ich weiß wohl um die tiefe Trauer, die dich nun mehr bannt und fesselt, dich im Angesicht der Ohnmacht überwältigt und dich zu vernichten droht. Ich weiß um das Gefühl der Leere in dir, ganz fern jeder Magie. Ich weiß um deinen Hass auf die Dunkelheit dieser Welt, die Angst vor ihren Gefahren und die Sorge um die Zukunft. Und ich sage dir: lasse es zu. Trauere, Shanelle. Lebe es aus, gib dich ihr hin und lasse dich einen Moment bei deinen Liebsten und bei jenen, wo du dich sicher fühlst, fallen. Nichts ist nun mehr wichtig, für den Augenblick.
Doch trauere in Maßen. Nimm dir die Zeit, doch endlich. Denn nicht minder von Bedeutung, wenn nicht gar von größerer, ist es, dass du den Boden nicht zur Gänze unter deinen zierlichen Füßen verlierst und dich deiner Verantwortung bewusst wirst. Nicht nur gegenüber dem Haus, den Kindern, deinem Verlobten. Sondern noch darüber hinaus: Die Verantwortung gegenüber dir selbst. Tränen rinnen mir die Wangen hinab, bei der Befürchtung, dich könnte mein Ableben zerstören oder fangen in der Tristlosigkeit des Lebens, gebrochen und gebunden. Niemals würde ich dies für dich wohl und so wäre es mir möglich, würde ich dich selbst mit donnernder Stimme und mit hundertfachen Appellen an Vernunft, Verantwortung und Strebsamkeit hinaus jagen, aus jenem Loch. So, mein Kind, wie ich es immer tat und ich bin gewiss, du erinnerst dich mit einem sanften Lächeln an jene Momente. Denn so schrecklich sie immer waren, in jenem Moment, so hast du zweifelsohne meine Liebe dahinter erkannt, im Nachhinein.

Denn, meine liebste Shanelle, ich habe dich immerzu und grenzenlos geliebt. Nach dem Tod meiner Frau glaubte ich nicht mehr daran je wieder wahrhaftig und aufrichtig lieben zu können. Ich glaubte nicht daran, dieses Gefühl je zu spüren, zu erleben. Und zu gewissen Teilen lag ich damit richtig, denn ich habe keine Frau mehr gefunden, die mir meiner würdig erschien. Doch ich fand mehr, ich fand größeres als das. Denn über das einfache Band zweier Liebenden hinaus, wünschte ich mir fast noch mehr eine Familie. Wo ersteres nie zustande kam, warst du es, die mir letzteres schenken konnte und letztlich wollte. Ich weiß um die Größe dieses Geschenks bis heute keine Worte zu finden. Das Gefühl einer Zugehörigkeit. Es war grenzenlose Freude, die es immer wieder in mir auszulösen wusste. Denn, Shanelle, ich vermochte nie diese Worte über meine Lippen zu bringen - zu groß die Scham und der Stolz gleichermaßen - es mag wohl so sein, dass ich dich adoptierte und zu einer Ashford machte, aber wer es ehrlich und mit klarer Sicht zu bewerten will, der spricht viel mehr davon, dass du mich in deine Familie aufnahmst, als ich dich in meine. Du warst es, die mir diese Enkelkinder bescherte, welche so oft mein Herz zu erwärmen wusste und bei deren Erinnerung in meinem Kopf mit traurig bewusst wird, wie viel mehr Zeit ich mit ihnen hätte verbringen sollen. Wie viel mehr Augenblicke es hätte geben sollen, die in meinem Herzen ruhen. Und doch will ich nicht in Trauer und Reue sterben, denn ganz gleich, wie viel Zeit es letztlich war - ich hatte immerhin welche. Und es war eine schöne Zeit, im Kreis der Familie. Mit dir, an meiner Seite.

Ich erinnere mich oft und gern an jene Momente, die ich auch nur mit dir teilen konnte. Sei es die Gespräche in Aufruhr und Zorn - ich erinnere mich an Tadel um den Dschungel und die Affen oder dein Hauch an seelischer Verwahrlosung, als du den Boden unter dir verlorst - nicht minder im Lächeln, wie deine kläglichen Versuche, mir das Reiten schmackhaft zu machen. Ich bleibe bis zuletzt in fester Überzeugung, dass jede Kutsche der Welt einen bequemeren Sitz und eine bequemere Art zu Reisen bietet, als ein Pferderücken. Das sei gesagt! Und doch hatte ich nicht viele unterhaltsame Momente mit dir, sondern vor allem glückliche, mein Kind. Es war eine glückliche Zeit mit dir. Ich vermochte nicht immer so frei und offen zeigen, wie es um mein Gemüt steht oder wie ich gegenüber dir und deinen Kindern stehe, doch ich bin sicher, du wusstest stets, dass mein graues Herz für dich und deine Kinder immer viel Platz hatte und ihr mich immer zu erwärmen, zufriedenzustellen, ja gar glücklich zu machen. Ich sterbe also in der vollsten Zufriedenheit, mein Erbe in die gütigen und warmen Hände meiner Tochter und meiner Enkelkinder zu geben, Shanelle. Dies soll dir trost spenden, aber auch Zuversicht, dass ich vollsten Vertrauen zu dir habe. Nicht weniger hast du verdient. Vermutlich sogar weit mehr als das.

Doch nun lies die folgenden Zeilen aufmerksam, mein Kind. Denn sie gelten dir, deiner Zukunft und der Zukunft des Hauses Ashford - das nun mehr als alleinige und offizielle Erbin führst. Es steht reichlich an Verantwortung dir bevor und du sollst jene, alsbald du dich bereit bist, dies Erbe anzutreten, mit besten Voraussetzungen angehen. In den kommenden Tagen wird dich ein Mann kontaktieren. Er wird dich auf Grauwall besuchen. Sein Name ist Ian Grey. Nie habe ich dir von diesem Mann erzählt. Doch wenn ich generell in die Vergangenheit sehe, dann habe ich dir selten etwas aus meinem Leben vor dir und den Kindern erzählt. Du lerntest nur noch den letzten Moment des James Jonathan Archwell kennen. Doch es gibt noch eine andere Seite und womöglich ist es nun mehr endlich an der Zeit, dass du jene erfährst. Verstehst. Und letztlich Zusammenhänge erkennst.

Ian Grey war in meinen ersten Jahren als Unternehmer ein Getreuer. Es stellte sich schnell heraus, ihn auf seine Qualitäten prüfend, dass dieser Mann in vielerlei geschickt und nützlich für mich war und so war seine Einstellung wohl mehr eine Formalität, jenen Mann einzustellen. Sein Vermögen Informationen zu beschaffen war wohl der offensichtlichste Grund. Dieser Mann lebt für seine Arbeit, ein Leben im privaten habe ich nie erkennen können. Und während ich dies von anderen Angestellten einfordern musste - ihr kümmerliches Leben in den Hintergrund zu stellen - war dies bei Mister Grey nie eine Angelegenheit, die es zu besprechen galt. Er ist ausgesprochen feinfühlig darin, an den richtigen Stellen nach Informationen zu suchen und wie ich selbst erlebt habe, nimmt er dabei auch - wenn es im Sinne von Tarnung und Unauffälligkeit - durchaus verschiedene Rollen an, wenn es dem Zweck dient oder nicht anders möglich ist. Dieser Mann verweilt in Gasthäusern und an Straßengelagen, immer die Ohren offen. Immer auf der Suche nach verwertbaren. Auch ohne Auftrag lieferte er interessante Inhalte, die er aufgeschnappt hatte. Abseits dessen ist aber auch in einigen anderen Tätigkeiten hilfreich gewesen. Er kennt sich grundlegend mit wirtschaftlichen Themen und auch auf aristokratischer Ebene kann er sich gut bewegen. So sorgte er sich um einige Verkäufe der letzten Jahre und wickelte diese vertrauensvoll ab. Die ein oder andere nennenswerte Summe konnte er dabei beschaffen. Ich möchte nicht weiter ins Detail gehen, aber ich vermute die schlichte, diplomatische Verhandlung ist nicht sein Stil. Doch Shanelle, bevor du mich verurteilst, so warne ich dich. Zum einen erfordert dies Geschäft jene Art des Umgangs bei etwas schwierigeren Umständen und zum anderen wirst du selbst bald in der Situation stehen, das Wohl des Hauses manches Mal auf fragwürdige Weise in den Vordergrund zu stellen und Opfer zu bringen oder Entscheidungen zu treffen, die nicht immer vertretbar erscheinen.

Grey ist ein ausgesprochen verschlossener Mann, was wohl seiner Tätigkeit sehr zu gute kommt. Ich bin nicht gewiss, aber ich glaube ich habe diesen Mann nie lachen oder zumindest lächeln sehen. Er wirkt geradezu immer so, als wäre ihm egal welche Angelegenheit stets egal oder nicht von Bedeutung. Vermutlich ist er deshalb ein sehr guter Informationsbeschaffer und -händler, denn man geht nur selten davon aus, dass es interessiert oder er zumindest zuhört. Aber lasse dich nicht täuschen. Dieser Mann ist mehr als aufmerksam und er stets sehr interessiert. Seine Undurchsichtigkeit und der Mangel an Wissen darüber, was ihn letztlich bewegt, war nicht nur ein ums andere Mal Gegenstand meiner Gedanken, sondern auch von Zeit zu Zeit Anlass für Skepsis, Vorsicht oder gar Sorge. Dieser Mann lässt sich nicht in die Karten schauen und ich bezweifle, dass er seiner Arbeit um seiner Arbeit willen nachgeht. Auch sage ich dir, dass er mir gegenüber nie loyal war. Unser Band beruhte allein auf dem Wert der Münze und dieser war in seinem Falle nie zu knapp. Er ist teuer, aber anders lies sich seine Treue nicht gewährleisten. Also bleibe ein Stück vorsichtig, ihm gegenüber, bis du dir sicher sein kannst, ihm blind zu vertrauen. In geschäftlicher Hinsicht kannst du ihm alles anvertrauen, ich tat es selbig. Doch im persönlichen - bleibe vorsichtig.

Er hat viele Jahre für mich gearbeitet und war sicherlich, mit seinem Tagewerk, maßgeblich am Erfolg meiner Unternehmungen beteiligt, denn Information war letztlich im Geschäft um Münze und Macht immer schon ein Schlüsselelement. Ein Grund, warum ich deine Bestrebungen in der Foxworth Company stets gefördert habe. Ein guter Grundstein erschien es mir, dich auf das kommende vorzubereiten. Mister Grey - ich in anbei sicher, dass dies in keiner Hinsicht sein richtiger Name ist - besitzt die wichtigsten Dokumente, die er dir übergeben wird: Die Buchführung des Hauses. Nach dem Angriff des Leerenelfs in meinen eigenen vier Mauern war ich um die Sicherheit des Hauses besorgt und rief nach bald über ein Jahrzehnt der Stille Grey erneut zu mir und in meine Dienste. Ich beauftragte ihn bereits mit der Informationsgewinnung um den Angreifer, sowie der Sicherung unserer wichtigsten Dokumente. Jetzt, wo du das Szepter zur Hand führst, wird er sie an dich übergeben. Außerdem, so bat ich ihn, wird er seine Dienste anbieten. Es wird vermutlich teuer werden, doch ich denke, besonders dieser Tage, ist es weniger Geld, das uns sorgt, als die Sicherheit. Denke darüber nach, ob du ihn in deine Dienste stellen willst.

Was die Zukunft des Hauses angeht, möchte ich dir nicht allzu vieles sagen. Ich habe einen Grundstein gelegt, dies Haus zu gründen und ihm eine Basis zu verleihen, die wirtschaftlich tragbar ist. Sowohl in diplomatischer Hinsicht, als auch in politischer ist zweifelsohne noch viel Raum zum Wachstum, um den Wert des Hauses in der aristokratischen Welt zu steigern. Doch ich betone erneut, dass dein Schritt im Informationshandel wohl überlegt und klug ist. Auch die Zusammenarbeit mit der Foxworth Company ist von Bedeutung. Doch ich möchte dich in dieser Hinsicht auch davor warnen: Vergiss niemals, wer du bist und welches Haus du vertrittst. Lasse niemals zu, dass das Haus Ashford eine Angliederung der Foxworth Company ist. Viel mehr solltest du danach streben, die Company dem Haus Ashford gefügig und gefällig machen. Schiebe beiseite, deine Anwandlungen, allzu sehr Freundschaften zu pflegen und stelle das geschäftliche, machtbewusste Interesse des Hauses Ashford nun mehr und endgültig in deinen Vordergrund. Denn wenn du es nicht tust, so wird es kein anderer tun. Vergiss deinen Platz nicht, Shanelle. Ich fürchte ein wenig darum, in dieser Hinsicht, du könntest persönliche Bande höher gewichten und daher mahne ich dich ein letztes Mal mehr in Deutlichkeit.

Doch letztlich, abseits genannter Dinge, steht dir die Welt offen, das Haus zu gestalten, wie es dir beliebt. Das Haus Ashford ist Geldadel und wir werden immer durch die Münze wirken. Dennoch erlaubt uns die Münze ausgesprochen viele Möglichkeiten zu wählen, welche Schwerpunkte wir setzen, wo wir wichtig sind. So wähle für dich, bedenke und bleibe flexibel im Umgang mit Umständen und Gelegenheiten. Die Politik definiert sich wohl am ehesten dadurch, dass sie unbeständig wirkt, in ihrem Bestreben, beständig zu sein. Manches Mal macht es Sinn vom gegenwärtigen Ziel Abstand zu nehmen, wenn sich eine Gelegenheit anderer Art aufgetan hat, die einem ähnlich viel Gegenwert bieten könnte, selbst wenn es für den Moment den eigenen Bestrebungen widerstrebt. Doch ebenso sehr sollst du kein Fähnchen im Wind sein, nicht für die Augen anderer. Skrupelosigkeit und gefährlicher Ehrgeiz sagte man mir oft und viel nach und doch hinderte es nur selten daran, Geschäfte mit unserem Hause einzugehen. Erfolg ist letztlich jenes, dass für noch mehr Erfolg sorgt, mein Kind.

Shanelle, mein Kind, du wirst mich stolz machen, wie du es immer tatest. Ich bin davon überzeugt. In Hinsicht auf das Haus, in Hinsicht auf die Familie und in Hinsicht auf deinen Charakter und Ehrgeiz. Ich bin überzeugt, du findest deinen Weg und auch wenn er sich sicherlich von Zeit zu Zeit von meinem unterscheiden wird, so hoffe ich dennoch, einen Rest des Vaters in dir zu erkennen, wenn es zum Zeitpunkt wichtiger Entscheidungen kommt. Ich wünsche mir für dich ein langes und erfülltes Leben. Ich wünsche mir, dass du Aberforth zu einem echten Ashford machst und Harvelle und Marigold ein Leben in der Aristokratie führen, doch mit Freiheiten. Ich wünsche mir für dich Glück und Zufriedenheit in der Ehe. Mir war es nicht mehr vergönnt, doch nimm dies als Mahnung, besonders darin zu investieren und es stets Ernst zu nehmen. Auf dem Sterbebett, Shanelle, und im Angesicht des Todes, ist es die Familie, die bleibt. Und genau diese solltest du beschützen. Die Ashfords - Aus der Asche erhoben, die Schwingen geweitet und ewiglich im Feuer.

In immerwährender Liebe,
dein Vater

Verzehrend schlangen und leckten die Flammen der Kohlepfanne nach dem Papier auf dem letzte Worte festgehalten wurden. Ineinander krümmend und kokelnd gab sich das Papier ganz dem chaotischen und zerstörerischen Element hin. Ein letztes Knistern samt aufbegehrender Funkenströme - erloschen ein Fragment das nun mehr der Vergangenheit angehört. Ein Fragment von so vielen mehr in Shanelle´s bisweiligen Leben. Doch vor allem erlischt mit diesem Schreiben eine Spur, und ein Beweis den man ihr oder dem Hause Ashford anlasten könnte - sei es der wachsame Blick der Krone, oder der Company selbst. Dieser Tage galt es vorsichtiger zu sein, und das mehr denn je. Es gab keinen Schild mehr hinter dem sie sich verbergen konnte - keinen Vater mehr der ihr in dunklen Stunden weisen Rat und Beistand leistete. Das was sie lernte, galt es nun zielführend umzusetzen, um wahrlich ertragreiche Früchte davon zu ernten. Doch vor allem um jene zu schützen die ihr nahe am Herzen lagen.

Glühender Funkenschein spiegelte sich im dunklen Sturmblau der Baronin wieder, während sanfter Schein Gesichtszüge und Lippen zeichneten. Noch Momente länger galt der Blick den Flammen, in stiller Andacht vor dem Grabe des Patriarchen unter schützendem Kuppeldach innerhalb der Gärten. Beobachtet vom Phönix der in Stein geschlagen wurde als ewiger Wächter über die Toten. Nicht für lange weilte Shanelle, als ihr Blick sich nicht nur auf ihre Töchter richtete die Abseits der Grabstätte sich darum bemühten ihrem jüngeren Bruder Aberforth das Laufen beizubringen, sondern auch Walt der alte Kammerdiener mit gebührenden Respekt an die Ruhestätte heran trat.

“Die Delegation ist zum Aufbruch bereit, Milady.”
“Sehr gut, auch ich bin für den Aufbruch bereit. Wärt Ihr so nett mit meinen Kindern für Magus Arenem’s Arbeitszimmer ein paar Rosen zu ernten? Und ich bitte drum diese regelmäßig zu wässern - er selbst hat nach wie vor nicht den grünen Daumen dafür, und lässt sich nach wie vor zu sehr in seine Arbeit versinken.”
“Sehr wohl, Milady. Alte Gewohnheiten ändern sich eben nie. Bitte kehrt wohlbehalten wieder zurück.”

Beide konnten sich eines Schmunzeln nicht erwehren, als man sich mit dem gebührenden Respekt voreinander verabschiedete. Wo der Kammerdiener Vase und Schere organisierte, nahm die Baronin die Gelegenheit wahr sich von ihren Kindern zu verabschieden, und ihnen so viel der Liebe zuteil werden zu lassen, das es noch für weitere Tage mehr ausreicht, bis sie wieder in heimatliche Gefilde zurückkehren würde. Mit einem Hauch des Wehmuts sah sie ihren Kindern nach, welche in Begleitung mit Walt die schönsten Rosen für ihren Vater aussuchten. Ein letztes Mal schloss Shanelle ihren Blick, bis sich am Fuße der Treppenstufe zur Ruhestätte nicht nur schwere Schritte ankündigten, sonder auch begleitet vom vertrauten Klirren einer Rüstung. Mit einem milden doch auch schwermütigen Lächeln wandte sich die Baronin ihrem Verlobten zu, welcher ihr die größere und von Leder bedeckte Hand entgegen reichte.

“Bereit erneut das Parkett aus Spiel und Intrige von Neuem zu betreten und dem Trubel der Hauptstadt die Stirn zu bieten, Milady?”
“Mit Euch an meiner Seite, als mein Schild und Schwert? Jederzeit bereit, Lord Kommandant.”

Ein warmes und doch auch recht schwermütiges Lächeln liegt auf den Lippen der Baronin, welche die zierliche Hand in die behütende Hand seiner Lordschaft legte, ehe sie die Stufen hinab stieg. Blicke trafen sich, und es brauchte schlicht nicht mehr der Worte um einander zu wissen, das man zusammen von nun an und für alle Zeit die noch bleibt durch Feuer und mehr der Asche gehen würde.