Geschichten: Fragmente einer Münze


#1

Einst lebendige, funkensprühende Augen von so atemberaubendem Blau wie der tosende Ozean, der gegen die Klippen Gilneas’ brandete, starrten leer in die Dunkelheit der sternenerhellten Nacht empor. Regloses, totes Blassgesicht, gesäumt von abertausend winzigen Sommersprossen, flammend rotem Haar und auf’s Penibelste gestutztem Bart. Ein Gesicht, dem noch Stunden zuvor ein so klares, heiteres Lachen ensprungen war. Ein Gesicht, das noch Stunden zuvor so manchen Frauenblick auf sich zog. Ein junger Mann, kaum die Zwanzigermitte überschritten, dem das Leben noch nahezu alles hätte bieten können. Aufrichtig, mutig - doch vor allem geliebt.
Umgeben von mehr und mehr fackeldurchbrochener Finsternis und umstehenden Menschen, die sich ob des verstörenden Anblicks fest im Griff schieren Grauens und Schocks befanden, die heftig durcheinander riefen, und den Blick nicht vom Boden nehmen konnten, wo sich vor ihren Füßen der rote Lebensquell ausbreitete. Blut. So viel Blut, das am Bordstein der entlang floss und dem Abfluss entgegen strebte. Blut, das den jungen Mann ertränkte, unaufhörlich seiner Kehle entsprang, und den letzten Rest Seele mit sich aus dem zuckenden Leib riss.
Durch die aufgelöste Menge drängte sich ein Mädchen inmitten unschuldigster Jugend, das ungläubiger Schreie nach den Schockierten schlug, um sich Platz zu schaffen, bis sie endlich den Leichnam erreichen konnte. Lähmung fraß sich durch ihre Glieder, die ozeanfarbenen Augen im bleichen Sommersprossengesicht weiteten sich, doch ihrer Kehle entwich mit einem Mal kein Laut mehr. Wie eine Ertrinkende schnappte sie nach Atem. Luft, um ihre Lungen zu füllen und um den Anblick zu begreifen, der sich ihr auftat. Und doch war’s vergeblich. Eine Erkenntnis, gegen die sich jede Faser sträubte, sie anzunehmen. Auch dann nicht, als sie bebend im sickernden Blut auf die Knie sank, und ihre Hände nach dem Toten streckte.
Statt an Atem zu gelangen, um den sie so verzweifelt rang, brach sich ein glockenhelles Schluchzen Bahn, während ihre Arme mit aller Kraft nach dem Leichnam griffen, um ihren Bruder - Kilian - an sich zu pressen. Die Finger fest vergraben in seiner Kleidung, klammernd, obgleich fremde Hände vergeblich alles dafür taten, sie von dem jungen Mann zu trennen, und das rothaarige Mädchen zu beruhigen.
Sie ließ sich nicht von ihm losreißen. Sie konnte es nicht. Unter ihrem anhaltenden Schluchzen vergrub sie das Gesicht in seiner Halsbeuge und ließ ihren zahllosen Tränen freien Lauf, ungeachtet des strömenden Lebensquells, der nunmehr ihr Antlitz färbte. Fester und fester bohrten sich ihre Fingerspitzen in den Stoff. Denn so lange sie nicht von ihm abließ, und nicht den Halt an ihm verlor, war es nicht wahr. Nur ein schrecklicher, grausamer Traum.

“Ich musste einen Schnitt setzen, sonst wäre er an seinem Blut erstickt. Die gebrochenen Rippen haben seine Lunge-…”, erklang die Stimme Calaries in weiter Ferne, um Avaliar darüber aufzuklären, was es mit dem Mann auf sich hatte, der sich auf eine Trage gebahrt in ihrer Obhut befand - und entrissen dem inzwischen weit älteren Mädchen die dunkle Erinnerung. Zwar nickte die Gilneerin, doch zugehört hatte sie nicht. Zu präsent der sengende Schmerz, der sich lähmend in ihr ausbreitete. Ihre blauen Augen von der Farbe des tosenden Ozeans, der gegen die Klippen der Heimat brandete, lagen starr auf dem Anblick, den der Fremde ihr bot. Bärtiges Sommersprossengesicht, umsäumt von flammend rotem Haar. Reglos. Am Rande des Unvermeidbaren, dem er nur um Haaresbreite entkommen war. Hinter ihren Augenlidern spürte sie längst das unangenehme Brennen, dem sie sich nun schon so lang derart verbissen entgegen stellte, dass es ihr die Luft abschnürte, und ihr Blinzeln kämpfte auch jetzt stur dagegen an.
Als sie schließlich bemerkte, dass ihre Hand auf fremder Wange lag und ihre Finger sonderbar gefühlvoll über die betupfte Haut strichen, war es längst zu spät. Ameley, die hinter ihr stand, war es nicht entgangen. Ungesehen vom weiblichen Rotschopf engten sich die dunklen Augenbrauen, hinter denen sich bereits laut tönende Alarmsignale auftaten.
Erst schweres Schlucken, dann tiefes Einatmen - so wie sie sich’s mühsam eingeprägt hatte, um der störenden Faktoren ihrer Menschlichkeit Herr zu werden - bevor sie ihre Hand ruckartig fortnehmen und mit belegter Stimme die auf ihr lastenden Blicke mit Anweisungen versehen konnte. Und doch kam sie nicht umhin, ihre zitternden Hand mit der anderen zu verbergen, bevor’s ein anderer bemerkt hätte, während ihre Versuche rationaler Gedankenabfolgen mehrfach von Ticks’ Stimme unterbrochen wurden, der ihr Minuten zuvor riet, die vor ihr befindliche Unliebsamkeit als unsicheren Faktor im Getriebe zu beseitigen. Wie immer hatte sie eine halbwegs plausible Ausflucht gefunden - zumindest glaubte sie das. Tatsächlich hatte sie nur sich selbst damit beschwichtigt, um der Wahrheit aus dem Weg zu gehen, die sich dem Sterben nahe vor ihr befand.

“Stell Dir vor, Du hättest Deine Familie gekannt. Stell Dir vor, sie hätte Dir einfach alles bedeutet, als die Welt um Dich herum noch unschuldig, heil und… perfekt war. Und stell Dir vor, eines Tages stünde jemand vor Dir, der-… Skorr, ich weiß, dass er nicht Kilian ist, aber ich kann mir nicht helf…”, weiter kam sie nicht, eh ihr die Stimme versagte. Nur wenige Wochen waren vergangen, seit sie den Fremden vor sich beinah sein Ende finden sah. Schweres Schlucken, tiefes Einatmen, so wie sie’s gelernt hatte, um den Staudamm zu halten. Um das im Zaun zu halten, das sie so verabscheute und ihr nur Steine in den Weg legen würde, den sie inzwischen bestritten hatte. Echtes Gefühl. Doch gerade, als sie glaubte, den Sturm überstanden zu haben, traf ihr Blick in der Dunkelheit auf den roten Zopf eines Mannes, der an der Szene zwischen Avaliar und Skorr vorbeilief. Wieder dies lähmende Empfinden, das ihr in die Knochen kroch. Er hatte es gehört. Ihren Moment der Schwäche. Der Ehrlichkeit. Ohne einen Blick zurück zu werfen ging er weiter, und ließ die beiden in ihrem Gespräch zurück.
Kochender Zorn stieg in der Gilneerin auf, ob der Tatsache, dass sie dieser simple Umstand wie ein Schlag mitten ins Gesicht aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Dass er diese Wirkung auf sie hatte. Zorn und… Verzweiflung. Die leise Ahnung, dass sie keine Kontrolle darüber hatte, wie sie sich verhielt, sobald dieses vollumfängliche Ebenbild der Erinnerung an heile Welt und schneidenen Scherbenhaufen zugleich sich in ihrer Nähe befand. Erst Skorrs ruhige, besänftigende Stimme führte sie zurück ins Hier und Jetzt: “Lauf ihm nach. Na los. Oder soll ich ihn herzerren?”
“Ich-… nein, ich kann nicht. Ich will ihn überhaupt nicht mehr wiedersehen.”, erwiderte sie mit greifbar verstörter Stimme, eh ihr sonderbar leidender Blick den Waidmann traf. Doch Skorr ließ sich davon nicht abbringen: “Wenn er ein solcher Ruhepol für Dich ist, weil er Dich an diese perfekte Vergangenheit erinnert, und Du daran festhalten willst, geh zu ihm und sprich Dich mit ihm aus. Denn ich will, dass Du so eine Gelegenheit ergreifst, wenn sie Dich glücklich macht.”
Schweres Schlucken, tiefes Versagen. Sie konnte es nicht mehr verhindern. Eh sie sich versah, fand sie sich in der Umarmung des Jägers wieder, der sie in all seiner Vernarrtheit festhielt, und das aus ihr herausrinnende Schluchzen ertrug. Die kleine und doch gewaltige Tränenflut, die seinen Mantel tränkte, und auch all das sture Wimmern, das da lautete: “Ich will nicht.”

“-… und da klingeln bei mir die Alarmglocken. Deinen Leuten geht es nicht anders. Sie verstehen nicht, wie Du Dich ihm gegenüber verhältst. Sie fangen an, zu zweifeln und sie werden eifersüchtig. Du musst Abstand zu diesem Mann halten.”, sprach Dreyko einige Tage später auf sie ein. Wortgewandt wie immer, doch der darin enthaltene Funken dieser so vehement gemiedenen Wahrheit traf in Avaliar lediglich auf Zorn. Die Worte trafen diesen einen wunden Punkt, den sie selbst nicht zu berühren wagte. Du verlierst die Kontrolle über Dich, ging es ihr durch den Kopf. Nur ein Sekundenbruchteil, und doch ließ der Gedanke sie von Neuem erstarren. Wenn es eines gab, das sie nicht aufgeben durfte, dann war es Kontrolle. Denn hinter den Mauern der Kontrolle lauerte unweigerlich Verlust.
Panik biss ihr ins Genick. Und plötzlich hörte sie sich sagen: “Ich seh’s aus einem anderen Blickwinkel, und denke nicht, dass es nutzbringend ist, wenn ich unterlasse und abstelle, wer und wie ich bin. Umgarnte Menschen fühlen sich zugetan, und lassen mit großer Erfolgsquote ihre Deckung fallen, sobald sie vollkommen wertlose, persönliche Informationen aus Privatgesprächen ziehen, die sie als Sicherheitspfand und Vertrauensbeweis oder schlimmstenfalls zum Zeichen der Naivität annehmen können, und tauschen sie über kurz oder lang mit tatsächlich verwendbaren Informationen über sich selbst aus, noch eh sie bemerken, wie ihnen geschieht. Sie werden nachlässiger.
Oder, wenn nicht das, bilden sie sich bald eine unterschätzende Meinung von mir und darüber hinaus der Company, nach der sie ihr künftiges Vorgehen unvorsichtiger gestalten. Zeitgleich sehen diejenigen, die uns schaden wollen, diesen engen Kontakt ebenfalls, und es entsteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sie zuerst solcherlei Individuuen schädigen oder angreifen werden, in der Annahme, es entstünde dadurch ein Druckmittel - statt dass sie gleich auf einen Direktangriff übergehen. Ein Fleischschild in gewisser Weise.
Zuletzt suggeriert es dem Feind traute Einigkeit innerhalb der ihm gegenübergestellten Front, und so uns andere Verbündete verraten wollen würden, könnten sie sich nicht sicher sein, dass die umgarnte Person mitziehen würde oder umgekehrt. Das sind meine Beweggründe, und ich halte sie nicht für einen Fehler.”

Das musste es sein. Kaum dass sie ihren vorgeschobenen Vortrag beendet hatte, konnte sie die Anspannung und Panik schwinden fühlen. Es war noch immer alles in bester Ordnung. Kein Kontrollverlust. Sie hatte sich vollumfänglich im Griff - zumindest glaubte sie das, trotz dessen, dass alle Zeichen gegen ihre Lüge standen, mit der sie sich selbst in den Schlaf wog.

Ihr Kontakt zum zwielichtigen Mediziner war rein geschäftlicher und vorteilhafter Natur. Wie hätte sie auch ahnen sollen, dass er schon Stunden später ihr Kinn in seinen Händen halten und die schwarzen Schlieren ihrer Tränen von der Wange streicheln würde. Dass seine dunkle Stimme ihr flüsternd versichern würde: “Ich bin nicht Dein Feind. Lass Dich darauf ein. Gefühle und Vertrauen sind das, was einen Menschen an den Strick bringen, doch… sie sind es auch, die einen Menschen über sich hinauswachsen lassen. Sie können Dein Antrieb oder Dein Ende sein. Du entscheidest, wie es ausgeht.”

Abstand. Kontrolle. Schweres Schlucken. Tiefes Einatmen.
Zu spät.