Geschichten: Heimkehr


#1

Heimkehr


Sanft legte sich die Hand auf das alte Treppengeländer und folgte, parallel zum Körper den Weg nach oben. Der Staub der Jahre, zumindest dreier an der Zahl, lag schwer und die Handschuhe der Frau, zehrten nicht alles auf, das sich niedergelassen hatte.

Niedergelassen“ , kam der Gedanke auf, setzte sich fest wie der Staub und schuf ein trauriges Lächeln auf dem Gesicht, dass nicht hätte bleicher sein können. Fast weiß, im starken Kontrast zu den roten Haaren. Weiß wie die Zähne, die sich gerade zeigten und die mit dem Gehen des Lächelns verschwanden, dass wieder den Gedanken freien Lauf lies.
Hier hatte sie gewohnt, in diesem Haus, direkt neben der Schmiede und jeden Meter gekannt. Ihre Familie hatte hier gewohnt, ihre Mutter, ihr Vater, der große Bruder und ihre kleine Schwester. Und doch, als sie vor all den Jahren gegangen war, hatte sie nicht zurückgeblickt.
Der Bruder war zum Zeitpunkt des Weggangs bereits ein Jahr verschwunden, die Schwester mit dem Sohn des Dorfarztes liiert und ihre Eltern trugen die ersten grauen Haare und klagten über den Zahn der Zeit.

Auch dieses Haus würde sich über den Zahn der Zeit beschweren“ entrannen die Worte leise aus Red’s Mund, so leise das sie dem Wüten des Sturms vor der Haustür sicherlich unterlagen, dem Sturm der alte Ziegel rüttelte, morsche Holzfenster schüttelte und so zulegte, dass man meinen könnte, er sei der Wolf aus der Kindergeschichte mit den Schweinchen, der das Haus durch sein Pusten zusammenbrechen lassen wolle.
Einem Wolf gleich heulte der Wind jedenfalls, riss am Haus, wie die Wölfe die armen Tiere des Waldes zerrissen, derer sie habhaften wurden, im ewig-dunklen Dämmerwald. Nicht nur die Worgen, sondern auch die großen, schwarzen Terrorwölfe des Nordwaldes.
Das Rattern der alten Fenster, das Wackeln der Ziegel hörte kurz auf, als der Wind eine Pause machte, doch das Heulen blieb und der Rotschopf lenkte seinen Blick die Treppe herab, während ihre Hand an ihre Hüfte ging, den Schwertgriff umfasste und halb herauszog, während die andere Hand in die Tasche glitt und eine kleine Phiole zu Tage förderte, grünlich schimmernd.

Sorgsam entfernte die ehemalige Bewohnerin des Hauses den Korken der Glasphiole, während die rot-braunen Augen felsenfest auf der Tür lagen, die sie hinter sich geschlossen hatte. Es war nicht nötig, die Handgriffe, das Bestreichen der Waffe, das Verstauen des restlichen Gebräus, zu überwachen, denn die Bewegungen waren hundertfach einstudiert gewesen. Und die Aufmerksamkeit wurde anderweitig gebraucht, als das Holz der Tür zum ersten Mal litt. Ein Schlag, schwer, einem Hammer gleich traf die Tür und doch hielt das morsche Holz. Es schien beinahe zu jaulen, oder war es das Wesen vor der Tür? Red war sich sicher, dass es nicht wirklich von Bedeutung war. Langsam, ruhig, schritt sie bei jedem Schlag die Stufen weiter hinab, kam jedoch nur zur Hälfte nach unten, als die Tür schließlich barst.

Es war nicht der Wolf aus der Kindergeschichte, der vor der Tür stand. Nein, es war ein Worgen, mit Fell, dass die Sonne verschluckt zu haben schien, so schwarz war es. Groß, locker über 2 Meter und aufrechtstehend, bekleidete nur mit einer alten Hose aus grünem Stoff, an jedem Schenkel zwei Taschen eingenäht mit gelbem Faden, stand eine Bestie im einzigen Eingang, eine Monstrosität die nur wandelnder Muskel zu sein schien.
Muskeln, Zähne, Klauen und Übelwill, verborgen hinter Fell und gelben Augen, schnüffelnder Nase und spitzen Ohren, die alle schnell das Ziel ausgemacht hatten.
Das Maul der Kreatur öffnete sich, entblößte die Zähne und die Zunge, während sich die Muskeln anspannten, doch statt zu springen, warf sie den Kopf nach hinten um zu heulen. Markerschütternd, selbst für eine Frau aus den Gefilden, wie Red es war, so dass diese einen Schritt nach hinten machte.

Als der Laut endete, senkte das Biest wiederum den Kopf und starrte Red an, die ob des seltsamen Verhaltens, des Heulens statt des Angriffs überrascht war und den Worgen fixierte. Gelblich wölfisch traf rot-braune Seelenspiegel und das Biest hob die rechte Pranke um sie gegen den Türrahmen zu stemmen. Der Staub, den es dabei auf der Hand wiederfand schien es nicht zu stören und der seltsame Moment, zwischen Kreatur und Kämpferin, währte eine Ewigkeit, ehe sich der schwarze Worgen umwandte und im Dunkel des Sturms, im Schwarz der Nacht und in der Finsternis des Dämmerwaldes verschwand.

Die Phiole, die der Rotschopf eben noch in der Hand gehabt hatte, fiel auf den Boden, zerbrach und gab den Inhalt frei, der die Treppe herunterfloss, Grün floss über den Staub, floss über altes Holz und die selbsternannte Informationshändlerin verweilte für eine weitere Ewigkeit an Ort und Stelle.
Es war die Haltung. Genau so war er heimgekehrt, wenn er von der Patroullie kam. Es war die Hose, deren Taschen Red selbst eingenäht hatte, weil sie praktisch waren und für die sie gelb genommen hatte, da die anderen Fäden nicht ausreichten. Es war der Ort und die Hände voll Staub, die beide bei ihrer Heimkehrt verbanden.

Es war „ George “…